Sachsenspiegel-Landrecht mit der Glosse des Johannes von Buch, um 1370 im Raum Braunschweig geschrieben · Buch III, Kapitel 13
Was Sie hier sehen: keine Abbildung des Originals, sondern unsere Nachzeichnung – Aufteilung, Zeilenzählung und Farben des Blattes, der Text in heutiger Schrift. Gelesen hat ihn ein KI-Pilot, an eigenen Aufnahmen und am Digitalisat der Herzog August Bibliothek. Gegengelesen ist diese Lesung nicht. Wir haben sie der Bibliotheksleitung des Juleums vorgelegt und um Korrektur gebeten; was falsch ist, ändern wir. Bis dahin: ein Leseversuch, kein Befund.
Worum es auf dem Blatt geht
Um einen Strafprozess, der beim falschen Gericht anfängt. Ein Mann wird wegen einer Missetat vor Gericht geladen – vor ein Gericht, vor dem er gar nicht antworten muss. Das Kapitel regelt, was dann noch gilt: welche Termine gesetzt werden, ob der Ankläger trotzdem weiterkommt, dass er mit Zeugen beweisen muss, und was dem Beschuldigten bleibt – seine teghenwere, die Gegenwehr.
Auf dem Schild in der Vitrine steht, was das Blatt ist. Was darauf steht, steht nirgends. Deshalb diese Seite.
Zum Vergrößern anklicken. Das Blatt im Maßverhältnis des Originals (43,5 × 23,5 cm), mit Linierung, Knickfalten und Fehlstellen – der Text in heutiger Schrift.
Die rote Kapitelüberschrift
„Wert en man dor vngherichte vor daghet vor gherichte · Cap. · xiij ·“ – „Wird ein Mann wegen einer Missetat vor Gericht geladen. Kapitel 13.“ Die sieben Zeilen darunter übersetzen wir so:
Zeilen 12 bis 18
„Wird ein Mann wegen einer Missetat vor ein Gericht geladen, vor dem er nicht zu antworten verpflichtet ist, und wird ihm ein Verhandlungstermin gesetzt – kommt der Ladende ihm in diesen Terminen zuvor, so darf er ihn von Rechts wegen mit seiner Beschuldigung belangen …“
Was das heute heißt
Kaution – und ihre Obergrenze
»Er kann nicht mehr als ein Leben verlieren, darum verbürge er nicht mehr als ein Wergeld.« Wer beschuldigt war, musste nicht zwingend sitzen: er konnte Bürgen stellen. Und die Summe war gedeckelt – höchstens sein Manngeld. Eine Kaution, die den Menschen ruiniert, wäre nach diesem Satz zu hoch gewesen. Dahinter steht ein Gedanke, der älter ist als jedes einzelne Rechtsbuch: dass ein Menschenleben einen Preis hat – und dass dieser Preis eine Grenze ist.
Wo das herkommt
Direkt daneben nennt der Kommentar die Fundstelle: die Digesten, Titel »über die Bewachung und Vorführung von Angeklagten«. Römisches Recht, im 6. Jahrhundert unter Justinian gesammelt – und hier, um 1325, von einem Juristen zur Begründung sächsischen Rechts herangezogen.
Der falsche Richter
Das Kapitel handelt von einem Mann, der wegen einer Missetat vor ein Gericht geladen wird, »vor dem er nicht zu antworten verpflichtet ist«. Die Frage nach dem zuständigen Gericht ist keine Erfindung der Moderne – sie steht schon hier, und sie schützt den Beschuldigten.
Der Schnitt, dem wir alles verdanken
Die linke Spalte bricht nicht ab, weil wir sie nicht lesen können – sie ist abgeschnitten. Ein Buchbinder hat das Blatt auf Einbandmaß gekürzt und mitten durch die Spalte geschnitten. Genau deshalb überlebte es: als Verstärkung in einem gedruckten Buch, während die vollständigen Handschriften der Bibliothek 1810 nach Wolfenbüttel gingen.
Ein Jurist bei der Arbeit
Die linke Spalte ist kein zweiter Gesetzestext, sondern der Streit darum. Zweimal steht dort eine Frage – »Wu schal…«, »So vraghe disse…« – und dazwischen lateinische Fundstellen. Frage, Gegenfrage, Beleg: so wurde an den Rechtsschulen gearbeitet, und so sieht man es hier.
Beweisen muss der Ankläger
Der Ladende darf die Beschuldigung verfolgen – aber er muss sie mit Zeugen beweisen (»betughen«). Und dem Beschuldigten bleibt seine »teghenwere«, die Gegenwehr. Anklage, Beweislast, Verteidigung: die drei Stücke stehen auf diesem einen Blatt.
Was wir nicht lesen können
Drei Zeilen der Hauptspalte fehlen ganz – dort sitzt ein Loch im Pergament. Der linken Spalte fehlt durchweg der Zeilenanfang. Und vieles ist blass gesetzt, weil wir es nicht sicher lesen. Nichts davon haben wir ergänzt. Eine geratene Zeile sieht auf dem Papier genauso aus wie eine gelesene – und macht damit das ganze Blatt wertlos. Was wir heute nicht lesen können, bleibt leer; vielleicht kann eine spätere Technik mehr.
Das Blatt als Text
Zeile für Zeile aufklappen – für Korrekturen
Dieselbe Lesung wie auf der Tafel, nur durchnummeriert. Wer einen Fehler findet, kann uns damit genau sagen wo: „Zeile 27 ist falsch“. Genau dazu ist diese Ansicht da.
■ Rubrik, im Original rot■ Initiale, im Original blau■ unsichere Lesung— nicht lesbar (Loch im Pergament)… am Zeilenanfang = weggeschnitten
Linke Spalte · Glosse
Jeder Zeile fehlt der Anfang: das Blatt wurde seitlich beschnitten, als es zum Bucheinband wurde.
…en is der wedder claghe
…t ne velen luden ¶ Vt
…supra j · ar. xxvi · & q ¶ Vor
…richte mach ok en ver-
…richte wedder claghen
…lib. x · en cc · de exceptio-
…nibus ¶ Tor hebben welk men
…gheit ny des he ene
…ich er wolde seghet dat he
…juar wynnen late · eder
…vor is luttik mehr sweren
…chen deghede he denne
…at he dat ghelt to vnrecht
…nomen hedde dar dorste
…vmme antwerden ¶ Vt
…q · si quis & C · de inte…
…dubita… ¶ He ne si van
…l · Dye […] ¶ Qui accus…
…¶ Na dem […] alse en van
…n kome […] mach he denne
…schuldegh[inghe] ¶ Wu schal
…e wed[der] […]
…e sake ne schulde…
…vore hebbe ¶ Seghe he
…en nene degher war he
…e up ghe boren hebbe dat
…teghen ¶ Vt j · ar · xl · Seghe
…dar van alle hue vore
¶ So vraghe disse enes
…eme dar dar enes ordel
…uer ghe ghan is of he em
…vmme antwerden dot
…cas defendi non possit i us…
…e ene he ne dorste ¶ & us
…q · eque si debuisse ¶ Na
…nde Dye rechte mot by
…en mach [c]umghen nicht
…at vmme mot he denne
…en de eren claghen ¶ Ju
…e ghe like so vnschede
Hauptspalte
Kolumnentitel „III“, dann die rote Kapitelüberschrift, der Gesetzestext, und ab „¶ Glosa“ der Kommentar.
dat de richter worde he to antwerden
schole ¶ Vt s. lib. i ar. ix & ff. de accu-
sacionib. & in scripcionib. l. si eum armen &
de eodem ¶ Wert ok de claghe & Wente
ne mach nicht wen en lif ver lesen
dar vmme ver borghe he nicht wen
en wergheld ¶ ff. de custodia & exhibi-
cione reorum & l. si quis reum & ff. de pu-
blicis delictis numquam plura & condicio aud.
Wert en man dor vngherichte vor
daghet vor gherichte · Cap. · xiij ·
Wert en man dor vngherichte
vor ghe·richte be daghet · dar
he nicht to antwerde ne is · vnde
wert eme ghe deghedinghet · kumt
de deghere ene an in den deghedin-
ghen · he mot ene wol be dreghen
to rechte dor sine schuldeghinghe
alse langhe […] wente he betughen
vnde […] eme be nemen an sine
teghenwere […] vore lest ·
¶ Glosa
WWed[…] · Wente als we d[…]
vore ghe leght hebben & dar tho
vorsicheyt ghe […] werde alle ¶ C. de
legib. & constitucionib. & l. leges sacratissime
¶ Wente denne dorch eyn kumt to
dryerleyge wis ¶ Tom ersten is de
vorsicheyt bose & dar en man dar dun
wedder recht & he si wu achtbare he si
¶ Hir hoit teghen & dar wat wedder
recht ghe schut & dat hete me vor vnghe-
schen to enes vromen ware & dat wedder
recht dede vnde mot d[…] noch de
pyne lyden & de id recht wedder […]
boke ghe sat hebbe ¶ Vor likernisse dele
en en perd & vnde were he be grepen
dye perd were ieme wedder & deme id
Quellen
Original: Helmstedt, Ehemalige Universitätsbibliothek, Pgt. Frgm. 16 · 1 Blatt Pergament, 43,5 × 23,5 cm, 2 Spalten, 41 Zeilen, um 1370, Raum Braunschweig · ausgestellt im Juleum Helmstedt.
Lesung, Übersetzung und Zusammenstellung durch einen KI-Piloten des KODEX. Ein KI-Pilot kann irren – und bei einer Handschrift des 14. Jahrhunderts irrt er leicht. Maßgeblich ist die Handschrift selbst und ihre wissenschaftliche Beschreibung; Korrekturen nehmen wir gern entgegen, am besten mit Zeilennummer.