K O D E XSHOWROOM HELMSTEDT · KONVOLUT · DAS DEUTSCHE ROM · 1875–1901
Die römische Mappe
KODEX · RÖMISCHES KONVOLUT

Die römische Mappe

Eine grüne Leinenmappe aus Rom — Bücher, Blätter, ein Kupferstich, ein Gedichtheft. In ihrer Mitte ein signiertes Manuskript des Mannes, der 1875 die neu gefundenen Inschriften der Stadt für das große Berliner Corpus abschrieb.
Konvolut · Rom · 1875–1901 · Manuskript (69 Blätter, italienisch) · zwei Hülsen-Hefte (Rom 1889 / 1890) · Gatteschi-Forumsblatt (1900) · Morghen-Kupferstich · Harnack-Festschrift (Weimar 1895) · Forum-Panoramafoto · Tibertal-Karte · handschriftliches Gedichtheft „Die Kupferne Stadt“ (1901)

Der Fund — eine wiedergefundene Hand

Das Herzstück der Mappe ist ein Manuskript von 69 Blättern in brauner Tinte: lateinische Inschriften, Zeile für Zeile abgeschrieben, dazu ein italienischer Kommentar mit Verweisen auf das Corpus Inscriptionum Latinarum. Blatt 64 endet mit „Roma d 18 Giugno 1875“ und der Unterschrift „W. Henzen“. Ab Blatt 66 folgt ein Brief an Rodolfo Lanciani, den Sekretär der städtischen Altertümerkommission — über Inschriften, die beim Abbruch einer antiken Mauer im neuen Esquilin-Viertel zutage gekommen waren. Genau dieser Brief ist gedruckt nachweisbar: Wilhelm Henzen, „Lettera al Sig. R. A. Lanciani“, im Bullettino der Kommission, Band 3 (1875). Henzen (1816–1887) war Erster Sekretär des Deutschen Archäologischen Instituts in Rom und Mitherausgeber des Corpus. Die Handschrift stützt die Zuordnung an ihn — ein abschließender Schriftvergleich steht noch aus.
Blatt 64: datiert „Roma d 18 Giugno 1875“, signiert „W. Henzen“.
Blatt 64: datiert „Roma d 18 Giugno 1875“, signiert „W. Henzen“.
Blatt 66: Beginn des Briefes an R. A. Lanciani.
Blatt 66: Beginn des Briefes an R. A. Lanciani.

Das Vermessen

Zwei schmale Hefte aus Rom stehen für die nächste Stufe des Wissens: die gedruckte Vermessung der Stadt. Christian Hülsen, ab 1887 Zweiter Sekretär desselben Instituts, veröffentlichte seinen „Jahresbericht über Funde und Forschungen zur Topographie der Stadt Rom“ (Sonderdruck, Rom 1889) und — zusammen mit P. Lindner — „Die Alliaschlacht. Eine topographische Studie“ (Verlag Loescher, Rom 1890), der eine gefaltete Farbkarte des Tibertals beiliegt. Wo Henzen einzelne Steine las, kartierte Hülsen ganze Landschaften.
Hülsen/Lindner, „Die Alliaschlacht“, Rom 1890, und Hülsens „Jahresbericht“, Rom 1889.
Hülsen/Lindner, „Die Alliaschlacht“, Rom 1890, und Hülsens „Jahresbericht“, Rom 1889.
Die beiliegende Faltkarte: „Das Tiberthal zwischen dem V. und XII. Milienstein von Rom“, 1:25.000.
Die beiliegende Faltkarte: „Das Tiberthal zwischen dem V. und XII. Milienstein von Rom“, 1:25.000.

Das Wiederaufrichten

Die dritte Stufe ist das Bild. Auf einem großformatigen Blatt hat Giuseppe Gatteschi zusammen mit dem Ingenieur G. B. Milani die Nordost-Ecke des Forum Romanum rekonstruiert — „im Jahr 310 nach Christus“, datiert „April 1900“. Über die Zeichnung ist ein durchsichtiges Blatt gelegt, auf dem die antiken Bauten lateinisch beschriftet sind: Curia Iulia, Basilica Paulli, Aedes Divi Iulii, Rostra. Man hebt das Transparent — und aus der vermessenen Ruine wird für einen Augenblick wieder die Stadt.
Gatteschi & Milani, Nordost-Ecke des Forum Romanum „im Jahr 310“, datiert April 1900 — mit beschriftetem Transparent.
Gatteschi & Milani, Nordost-Ecke des Forum Romanum „im Jahr 310“, datiert April 1900 — mit beschriftetem Transparent.

Der Rahmen — und ein Gesicht, das man zu kennen glaubte

Um diese drei Stufen legt sich das deutsche Rom: Otto Harnacks Festschrift „Der Deutsche Künstlerverein zu Rom in seinem fünfzigjährigen Bestehen“ (Weimar 1895) — der Kreis der Deutschrömer, in dem auch Gelehrte wie Henzen verkehrten. Und über allem, wie ein Motto, ein Kupferstich Raffaello Morghens: das bärtige „Selbstbildnis“ Leonardo da Vincis nach einer Florentiner Vorlage. Es ist das Gesicht, das die Welt für Leonardo hält — eine Zuschreibung, welche die moderne Forschung beim Leonardo-Selbstbildnis gerade anzweifelt. Ein Bündel über das Wissen von Rom, eröffnet von einem Bild, das vielleicht nicht zeigt, wen es zu zeigen vorgibt.
Otto Harnack, Festschrift des Deutschen Künstlervereins zu Rom, Weimar 1895.
Otto Harnack, Festschrift des Deutschen Künstlervereins zu Rom, Weimar 1895.
Raffaello Morghen, „Leonardo da Vinci“, Kupferstich nach der Florentiner Vorlage.
Raffaello Morghen, „Leonardo da Vinci“, Kupferstich nach der Florentiner Vorlage.

Vom Schüler an den Meister — das neunte Stück

Im August 2026 kam aus derselben Sammellage ein neuntes Stück hinzu: ein handschriftliches Gedichtheft, „Die Kupferne Stadt nach 1001 Nacht“ — die Geschichte von Emir Musa und der toten Stadt aus Kupfer, in deutschen Versen nacherzählt, in sauberer Kurrentschrift, fadengeheftet. Auf dem inneren Widmungsblatt steht: „Seinem verehrten Meister J. v. Kopf“ — die Jahreszahl 1901 umschließt ein Ligatur-Monogramm „FD“, das unter der Schlusszeile wiederkehrt. Wohl ein Schüler ehrte damit den Bildhauer Joseph von Kopf in dessen beiden letzten Lebensjahren; das „v.“ im Namen passt zur Erhebung in den Personaladel 1897. Wer sich hinter dem Monogramm verbirgt, ist nicht geklärt — und auch die zweite Widmung auf dem Titelblatt, „Meiner Freundin Truderl in alter Zuneigung gewidmet“, wartet noch auf ihre Geschichte.
Titelblatt: „Die Kupferne Stadt nach 1001 Nacht“ — darunter die Widmung an „Truderl“
Titelblatt: „Die Kupferne Stadt nach 1001 Nacht“ — darunter die Widmung an „Truderl“
Widmungsblatt: „Seinem verehrten Meister J. v. Kopf“, 19⟨FD⟩01
Widmungsblatt: „Seinem verehrten Meister J. v. Kopf“, 19⟨FD⟩01

Die Mappe und ihre Besitzerin

Die grüne Mappe selbst trägt auf dem Deckel ein rundes, teils zerstörtes Schriftetikett: „R. v. P…“. Es steht für Rosina von Pütz, geborene Kopf (1845–1932) — die Schwester des in Rom wirkenden Bildhauers Joseph von Kopf (1827–1903), dessen Namenszug mehrfach auf den beiliegenden Heften erscheint. Aus dieser deutsch-römischen Familie stammt das Bündel: er, ein Bildhauer unter den Deutschrömern; sie, verheiratet mit dem k. k. Obersten Ludwig von Pütz, ein Leben lang zwischen Rom und Bozen. Verwandte persönliche Papiere der Geschwister liegen heute im Hauptstaatsarchiv Stuttgart (Nachlass Josef Kopf, Q 2/14). So schließt sich der Kreis, den die Blätter erzählen — das gelehrte, das künstlerische, das gelebte deutsche Rom, bewahrt von einer Hand, die dazugehörte. Wie eng dieser Kreis war, zeigt das Stuttgarter Findbuch: Kopf schuf die Henzen-Büste, die im Januar 1888 im Kapitol enthüllt wurde — und in Rosinas eigenen Unterlagen liegen bis heute Henzens Ordensurkunde von 1864 und sein Testament von 1886 (Q 2/14 Bü 43). Dass ein Henzen-Manuskript in ihrer Mappe liegt, folgt damit einem archivisch dokumentierten Muster: Rosina von Pütz verwahrte Papiere aus Henzens persönlichem Umfeld.
🎧 Die Geschichte zu diesem Stück
Die römische Mappe · W. Henzen, 1875
Kurz-Teaser · ¾ Minute
Die ganze Geschichte · ausführlich
0:00
Preis auf Anfrage
Das Buch wird im Showroom Helmstedt gezeigt und kann dort besichtigt werden. Schreiben Sie uns — wir antworten persönlich.
Kreislauf statt Neuproduktion: Weiterverkauf ohne neue Herstellung. Ehrlich: Verpackung & Versand ca. 0,4 kg CO2e — beim Kauf im Laden Helmstedt entfällt auch das.
Zur Übersicht der Sammlung